Die Berührung des Einhorns

Weg des Wandels, Teil 6                                 Kapitel 1 – Das Einhorn, Teil 4

 

…und wie ging es weiter, nachdem ich an besagtem Freitag also vor verschlossenen Theatertüren stand und warum hat es sich im Nachhinein als großes Glück erwiesen?

 

Eine wunderbare Begegnung

Personalkarten für die Brechtbühne sind nicht immer zu bekommen. Das kommt daher, daß sie nur ca. 250 Plätze hat und es muß fünf Tage vor der gewählten Vorstellung noch ein gewisses Kontingent von unverkauften Karten zur Verfügung stehen, damit es überhaupt Personalkarten gibt. Umso besser ein Stück also beim Publikum ankommt, umso geringer sind meine Chancen. Bei den Ballettabenden hat man kaum einmal Glück, bei Theaterstücken hängt es, wie gesagt, vom Publikumsinteresse ab, daß natürlich von den Kritiken und Mundpropaganda gesteuert wird. Man ist also grundsätzlich gut beraten gleich eine der ersten Vorstellungen zu besuchen, bevor es sich herumspricht, daß ein Stück sehenswert ist.

Ich ging also gleich am Dienstag, montags ist geschlossen, an die Kasse und holte mir eine Karte für „Verrücktes Blut“ und es war wirklich sehenswert. Wenn das Stück bei Dir auch mal aufgeführt wird, kann ich nur empfehlen es anzusehen, eine tolle Story. Aktuell, kritisch, lehrreich und witzig, ich hab den Besuch nicht bereut. Und als ich nach Ende der Vorstellung schon auf dem Weg zum Ausgang war, erlebte ich auch noch eine freudige Überraschung!

Plötzlich kam er, mein Einhorn, auf mich zu und begrüßte mich wie einen lange vermißten Freund. Nach einem kurzen Plausch entschuldigte er sich, da er mit Freunden in der Vorstellung war und diese nicht zu lange warten lassen wollte und verabschiedete sich mit einer Umarmung.

Eine Umarmung – das mag für Dich vielleicht nichts besonderes sein. Viele Menschen begrüßen und verabschieden sich mit Umarmungen, in meinem Umfeld war das nie so üblich. Das war mehr etwas, das besonders nahestehenden Personen vorbehalten war und ich selbst mag diese Umarmerei eigentlich auch nicht besonders. Meist lasse ich sie nur zu, um den Anderen nicht vor den Kopf zu stoßen und fühle mich dabei eher unwohl.

Das mit den Umarmungen ist wohl einfach stark Kultur abhängig, bei Südländern ist das verbreiteter, wir Deutschen sind da eher etwas steif und distanziert. In dieser Hinsicht bin ich auf jeden Fall sehr deutsch. 😉 Obwohl ich da schon viel lockerer geworden bin, habe eine besonders große Abneigung gegen dieses übertriebene, künstliche „Umarmung, Küssen rechts und links“-Getue. *würg*

Diese Umarmung kam vollkommen überraschend, wir kannten uns doch kaum! So geschah es, daß ich mich dann auch erst mal versteifte und gar nicht recht reagieren konnte. Es passiert mir nicht oft, daß mich Menschen spontan umarmen. Vermutlich strahle ich schon aus, daß ich es als überschreiten meiner persönlichen Grenze betrachte. Und so fühle ich mich hinterher auch in der Regel, wenn jemand diese Grenz verletzt – fast wie überfallen und unsittlich Berührt, auch wenn mir klar ist, daß das für gewöhnlich eine ganz unschuldige Geste ist. Verstehst Du was ich meine? Es ist ein Eingriff in meine Intimzone.

Das Interessante war dann aber das Gefühl, daß diese Umarmung hinterließ. Zwar versteifte ich mich zunächst in einer instinktiven Abwehrreaktion, konnte mich jedoch relativ schnell entspannen, diese freundschaftliche Geste als solche annehmen und die Umarmung sogar erwidern. Nach dieser unerwarteten Begegnung ging ich freudig beschwingt und voll positiver Energie nach Hause. Es tat einfach so unglaublich gut, daß sich jemand so ehrlich freute mir zu begegnen, denn ich hatte zu dieser Zeit nicht das Gefühl, eine besonders erstrebenswerte Gesellschaft zu sein. Es mangelte mir zwar nicht an Selbstbewußtsein, aber definitiv an Selbstwertgefühl und Selbstliebe.

An diesem Abend habe ich die heilsame Berührung des Einhorns zum ersten mal gespürt und zwar im wörtlichen Sinne. Ich fühlte mich durchflutet von positiver Energie, war einfach glücklich und dieser Zustand hielt sogar ein paar Tage an! Hätte das mit der Generalprobe geklappt, hätte ich das nicht erleben können. Und es sollten noch weitere wunderbare Zufälle folgen…

Nichts geschieht im Leben ohne Grund und jedes Unglück hält ein besonderes Glück für uns bereit. Wir müssen nur bereit sein es zu erkennen. Das ist eine Erfahrung, die ich immer wieder gemacht habe. In diesen Fall ging es recht schnell, meist dauert es sehr viel länger bis sich der Sinn erschließt und man dankbar sein kann.

Hast Du auch schon diese Erfahrung gemacht?

Liebe Grüße                                                                                                                          Rufus

2 Gedanken zu „Die Berührung des Einhorns

  1. Lieber Rufus,

    als treue (und neugierige) Leserin deines Blogs habe ich deine jüngsten Zeilen schon wieder gelesen und danke dir für die Auflösung der Spannung vom letzten Eintrag!

    Deine Erfahrung ist sehr berührend und wunderschön.

    Und ja, ich habe auch meine besonderen Erfahrungen mit Umarmungen. Es ist schon etwas länger her, genau genommen 25 Jahre, als ich das erste Mal in Findhorn, Schottland war. Dort gibt es eine internationale spirituelle Gemeinschaft, und in dieser sollte ich fünf Monate verbringen.
    Der Umgang der Menschen dort ist sehr herzlich, d.h. sie umarmen sich oft und innig, und am Anfang befremdete mich das ein wenig. Ich sah etwa einen Mann und eine Frau Arm in Arm dastehen und dachte: Das ist ein Paar. Aber am nächsten Tag stand diese Frau mit einem anderen Mann oder mit einer Frau so da, und plötzlich realisierte ich, dass diese Leute einfach einen sehr innig-herzlichen Umgang miteinander pflegten. Meine anfängliche Befremdung dauerte nicht lange an, nach wenigen Tagen knackte meine Schale, mein Herz ging auf und zunächst einmal musste ich ganz viel weinen.
    Plötzlich merkte ich, wie sehr meine Seele sich nach so einem herzlichen Miteinander gesehnt hatte. Es war, als würde plötzlich eine innere Quelle zu sprudeln beginnen, nach der ich viel zu lange gedürstet hatte.
    Und so begann ich dieses Umarmen zu genießen.

    Eine Umarmung bzw. Begegnung blieb mir jedoch besonders in Erinnerung. Ich besuchte einen Wochenend-Workshop über Selbstliebe, und da begab es sich, dass ich zur selben Zeit durch eine Tür hinaus wollte, durch die jemand anderer herein wollte. 😉 Es war der Co-Leiter des Workshops und wir krachten voll zusammen.
    Gewohnheitsmäßig nahm ich sofort die „Schuld“ auf mich und entschuldigte mich für den Zusammenstoß. Da blickte dieser Mann mich voller Liebe an und sagte: „Wofür entschuldigst du dich? Du hast doch nichts Schlimmes getan.“
    Dann umarmte er mich liebevoll, bevor er seinen Weg fortsetzte.
    Ich blieb noch lange stehen… Diese Begegnung berührte mich so tief. Obwohl ich diesen Mann vor und nach dem Workshop nie mehr gesehen habe, nicht einmal mehr seinen Namen weiß, so wird diese Umarmung für mich immer in Erinnerung bleiben. Ich fühlte mich gesehen und geliebt – ja, von einem völlig fremden Menschen. Aber in den paar Momenten dieser Begegnung war so viel Liebe geflossen und so eine Wertschätzung und Achtung für mich spürbar gewesen, dass es mich zutiefst bewegte und erfüllte.
    Ich war auch tagelang glücklich.

    So, das war jetzt aber eine lange Geschichte als Kommentar auf deine wunderschöne Einhorn-Umarmung!

    Wieder bin ich gespannt, wie dein Weg nun weitergegangen ist.

    Alles Liebe,
    Verena

    • Liebe Verena,
      ich danke dir für die ausführliche Schilderung Deiner Erfahrungen.
      Genau wie Du mußte auch ich erst lernen, eine Umarmung nicht fälschlich als romantisch überzubewerten und gleichzeitig ihren enormen Wert schätzen zu lernen.
      Es ist einfach wunderbar wie ein kurzer Moment des angenommen werdens, für immer unser Leben begleiten kann.
      Liebe Grüße
      Rufus

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